TECHNIKGESCHICHTE

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Technikgeschichte als Element der Emanzipationsbewegung der Ingenieure


Patrick Lauckner


Seit dem 18. Jahrhundert veränderte der Industrialisierungsprozess in Europa das traditionelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Gefüge. Auch die soziale Rolle und das Selbstverständnis des Ingenieurs erfuhren in diesem Zusammenhang einen Wandel. Im 19. Jahrhundert entzündete sich nicht zuletzt eine Debatte zum Verhältnis zwischen Kultur und Technik. Seitens des Bildungsbürgertums erfuhr die Technikentwicklung viel Kritik: So wurde den Ingenieuren eine Begrenztheit ihrer Interessen unterstellt, die man als rein materiell deklassierte. In Deutschland setzten führende Mitglieder des Vereins Deutscher Ingenieure dem selbstbewusst entgegen, dass die von ihnen entwickelte moderne Technik durchaus ein „materielles Kulturgut“ sei. (Fessner 1996, 46)

 

Franz Reuleaux um 1877 (Quelle: J.C. Schaarwächter)


Die Ingenieure waren zum Teil darum bemüht, sich dem Kulturbegriff des deutschen Bildungsbürgertums anzunähern, so bezeichnete Franz Reuleaux Technik als „Kulturhebel und Kulturfaktor“ (Braun 1996, 39). Aus dem Kontext geht hervor, dass Technik als „Kulturfaktor“ nicht als ein Teil von Kultur zu verstehen sei, sondern dass Technik einen Faktor darstelle, der Kultur erst ermögliche. Der Maschinenbauer Reuleaux stellte den herkömmlichen Kulturbegriff des deutschen Bildungsbürgertums im 19. Jahrhunderts nicht in Frage, sondern war darum bemüht, die von ihm vertretene Technik an diesen anzugleichen. Auch sein Bemühen, die Technikwissenschaften formal an naturwissenschaftliche Methodenideale anzugleichen, entsprach dieser Vorgehensweise. (Braun 1996, 39)

Massenproduktion um 1920
(Quelle: Fotothek der SLUB)

Allgemein ist zum Problemkreis Technik und Kultur festzuhalten, dass religiöse Weltbilder und kulturelle Muster die Richtung und Dynamik technischer Entwicklung langfristig geprägt haben. Zum Beispiel ist klar erkennbar, dass die jüdisch-christliche Naturauffassung der Technik im Westen eine andere Orientierung gegeben hat, als diejenige der östlichen Religionen. (Sandkühler 1999, 1602) Kulturelle Muster und Orientierungen spielen sowohl bei der Entwicklung als auch bei der Verwendung und Bewertung von Technik eine wichtige Rolle. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts begann man in diversen Publikationen die Frage vom Verhältnis zwischen Technik und Kultur anzusprechen, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts brach sich dann eine wahre Flut von Veröffentlichungen zu diesem Thema Bahn. Ein Resultat dieser Debatte war das verstärkte Emanzipationsstreben der Ingenieure.Technische Katastrophen und der Erste Weltkrieg, in welchem erstmalig (Destruktiv-) Technik zu einem massiven Einsatz kam, führten zu einer intensiven Diskussion über die gesellschaftliche Rolle der Technik. Wenn Autoren wie Franz Reuleaux es noch vermieden hatten, Technik und Kultur explizit gleichzusetzen, so entwickelte sich nun eine Tendenz, Technik als einen legitimen Teil von Kultur anzusehen. Mit einer solchen Herangehensweise war man genötigt, sich von einem humanistisch-bildungsbürgerlichen Kulturbegriff zu verabschieden. (Dietz/ Fessner/ Maier 1996, 14)

 

Destruktivtechnik im I. Weltkrieg - eine Haubitze (Quelle: Ernest Brooks)  


Ein Vertreter solchen Denkens war der bekannte Ingenieur und Hochschullehrer Alois Riedler. Er wehrte sich gegen eine allzu einseitige und vor allem negative Darstellung von Technik und deren Entwicklung. Wie er feststellte, hatte der technische Fortschritt längst Einzug gehalten in die Alltagswelt, wurde aber diffamiert und als „mechanisierendes“, als „Maschinenzeitalter“ bezeichnet. In seinen Augen sollte aber die Technik als etwas Kulturförderliches angesehen werden. Sie steht nicht im Gegensatz zu „Geist“ und „Idee“, sondern ist genau dort anzusiedeln. (Braun 1996, 42)

Der Berufsstand der Ingenieure rang seit den 1850er Jahren um soziale Anerkennung. In einer von humanistischen Bildungsidealen und traditionellen Eliten geprägten Gesellschaftsordnung stellte sich das als sehr schwierig heraus. Die formale Gleichstellung ihrer Ausbildungseinrichtungen mit den Universitäten verdankten die Ingenieure erst zur Jahrhundertwende der Initiative ihres Interessenverbandes, des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Zwar gab es schon längst das Bestreben, die Technik als ein allgemeines, übergreifendes und verbindendes Kulturgut anzuerkennen, aber dies eben nur seitens der Ingenieure selbst. Doch auch nach der formalen Gleichstellung der Technischen Hochschulen mit den Universitäten folgte nicht unmittelbar eine Gleichstellung der Ingenieure mit den traditionellen Eliten. Max Weber sprach im Zusammenhang von Technikern und Ingenieuren von „Fachmenschen ohne Geist“, die sich einbildeten „eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben“. (Dietz/ Fessner/ Maier 1996, 13)

 

Untergang der Titanic (Quelle: Gemälde: Willy Stöwer)

Zu den Initiativen der Ingenieure, ihre soziale Stellung zu verbessern, zählten auch die Bemühungen, die Lehrinhalte an den Technischen Hochschulen über einen mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Horizont hinaus zu erweitern, hin zu allgemein bildenden, sozialwissenschaftlichen, volkswirtschaftlichen, rechtswissenschaftlichen und künstlerischen Wissensbeständen. Dies geschah mit der Absicht, die Ingenieurausbildung gegenüber der anderer Eliten aufzuwerten. Aus dem Bestreben, der Technik und den Ingenieuren den verdienten gesellschaftlichen Stellenwert einzuräumen, ergab sich auch die Forderung der Ingenieure, der Geschichte der Technik einen höheren Stellenwert einzuräumen. Derartige Forderungen wurden zu diesem Zeitpunkt vereinzelt auch von Historikern, Soziologen und Ökonomen flankiert. Immer deutlicher kristallisierte sich jedoch heraus, wie bedeutsam Technikgeschichte für die Emanzipation eines gesamten Berufsstandes wurde. An der Wende zum 20. Jahrhundert befürchteten viele Ingenieure außerdem, bereits gefundene technische Lösungen könnten wieder in Vergessenheit geraten. Das Interesse der Ingenieure an der Technikgeschichte hatte somit neben der ideologischen auch eine praktische Absicht: Es ging um die Identität des Berufsstands und die Archivierung technischen Wissens. Der Maschinenbaulehrer Conrad Matschoß verfasste im Auftrag des VDI 1901 die „Geschichte der Dampfmaschine, ihre kulturelle Bedeutung, technische Entwicklung und ihre großen Männer“. Mit Matschoß begann in Deutschland die akademische Technikgeschichte als eigenständige Disziplin. Ingenieure befassten sich nun mit Technikgeschichte, weil sie die Deutungshoheit über die Geschichte ihres Metiers den Geistes- und Sozialwissenschaften entreißen wollten. Ihre Methode war die Artefaktbeschreibung.

Die Kontroversen über die Rolle der Technik in der Gesellschaft erstrecken sich bis in die Gegenwart. Für die einen ist die Idee der technischen Rationalität universell geworden und hat alle Bereiche durchdrungen. Man spricht von einer Eigendynamik der Technik. Dagegen wenden sich kritische Stimmen, beispielsweise haben Vertreter der Frankfurter Schule die Eindimensionalität der technologischen Rationalität und die herrschaftslegitimierende Funktion von Wissenschaft und Technik kritisiert. (Sandkühler 1999, 1609) In den 1920er Jahren propagierte man besonders in den USA Technokratie – also die Herrschaft der Techniker – als Allheilmittel gegen die kapitalistische Verschwendungswirtschaft und die Ohnmacht demokratischer Institutionen. Bis heute sucht diese stark polarisierende geistige Bewegung nach technischen Lösungen für soziale und politische Probleme. Man geht dabei von einer Neutralität der Technik gegenüber partikularen Interessen und einer Objektivität gegenüber subjektiven Wertsetzungen aus. Obwohl nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die technische Intelligenz eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau der zerstörten Wirtschaft spielte, wurde eine antitechnische Kulturkritik lauter – bis hin zu wachsender Technikfeindschaft und einer Abkehr vom herkömmlichen linearen Fortschrittsglauben. In den 1960ern und zu Beginn der 1970er Jahre wuchs auch das Bemühen um eine theoretisch anspruchsvollere und sachlich differenzierende Analyse von Technik und deren Entstehungsprozessen. Innerhalb der Technikphilosophie erstarkte z. B. das Interesse an der Frage, inwieweit die Merkmale der Technik naturgesetzlich sind und gesellschaftlich vermittelt werden können. (Sandkühler 1999, 1211)

 

Moderner Gigantismus: Drei-Schluchten-Staudamm in China (Quelle: Wang: Drei Schluchten Dammprojekt, Umschlagbild)

Die Frage, ob Ingenieurtätigkeit untrennbar mit moderner Kultur verbunden sei, oder, wie von bildungsbürgerlichen Kreisen formuliert, eine Gefahr für die Kultur darstelle, scheint nach wie vor unauflösbar. (Sandkühler 1999, 1212) Zu Beginn der 1980er Jahre unternahm man seitens der Ingenieure den Versuch einer postmodernen Technikkritik, was letztendlich der technischen Intelligenz ihren Rang als Kulturträger sichern sollte. Naturwissenschaft und Technik seien Faktoren, die die geistigen und kulturellen Elemente unserer Zeit prägen und nicht umgekehrt. (Dietz/ Fessner/ Maier 1996, 31)

Die Formel vom „Kulturwert der Technik“ war in Deutschland für die Vertreter der technischen Intelligenz ein wichtiges Argument zur Sicherung ihrer sozialen Position. Diesen Kampf um Anerkennung führte man gegen ein vom Industrialisierungsprozess traumatisiertes Bildungsbürgertum. Sicherlich war die von Ingenieuren betriebene Technikgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert eine probates Mittel, sich der eigenen Deutungsmacht zu versichern und aus der intellektuellen Defensive in die Offensive zu wechseln.


Anmerkungen und Hinweise zum Weiterlesen

Braun, Hans-Joachim: Technik als „Kulturhebel“ und „Kulturfaktor“. Zum Verhältnis von Technik und Kultur bei Franz Reuleaux. In: Dietz/ Fessner/ Maier (Hrsg.): Technische Intelligenz und „Kulturfaktor Technik“, S. 35–43.

Dietz, Burkhard; Fessner, Michael; Maier, Helmut (Hrsg.): Technische Intelligenz und „Kulturfaktor Technik“. Kulturvorstellungen von Technikern und Ingenieuren zwischen Kaiserreich und früher Bundesrepublik, Münster u. a. 1996.

Fessner, Michael: Carl Julius Bach und die „allgemeinen Kulturaufgaben“ der Ingenieure. In: Dietz/ Fessner/ Maier (Hrsg.): Technische Intelligenz und „Kulturfaktor Technik“, S. 45–65.

König, Wolfgang: Programmatik, Theorie und Methodologie der Technikgeschichte bei Conrad Matschoß. In: Technikgeschichte 50 (1983), S. 308–336.

Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Hamburg 1999.

Troitzsch, Ulrich: Die Technik von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1987.

 

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